Mitte diesen Jahres hat der deutsche Festnetztelefon-Hersteller Gigaset drei Smartphones, das ME Pure, ME und ME Pro angekündigt und auch schon auf der IFA vorgestellt. Nun ist es so weit, seit dem 16.11. ist das erste Smartphone aus dem Hause Gigaset auf dem deutschen Markt verfügbar. Wir haben es getestet und untersucht, ob sich auch ein deutsches Unternehmen in dieser Branche behaupten kann.

Dieses Produkt wurde uns kostenfrei vom Hersteller zur Verfügung gestellt. Unsere Berichte werden stets nach unserem Leitbild verfasst. (Mehr Infos)

Erster Eindruck

“Made in China” aber auch “Designed in Germany” steht auf der Rückseite unseres neuen Testmodells, dem Gigaset ME. Optisch ist das Gerät sehr schick und stilvoll. Das Smartphone ist solide gebaut, mit Aluminiumrahmen, robustem Gorilla Glass Display und einer Rückseite aus spiegelglattem Glas. Hier ist wirklich alles fehlerfrei verarbeitet, sogar die Tasten sind stabil und fest, ohne dass sie wackeln. Vom Aussehen her ähnelt das ME allerdings sehr einem iPhone 6.

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Bildquelle: Gigaset Communications GmbH

Zum Zubehör des Gigaset ME gehören ein USB 3.0 Typ C Kabel, ein Netzadapter, ein Headset und eine Bedienungsanleitung. Zusätzlich wird noch eine Art Nadel mitgeliefert, mit der sich die Abdeckung an der Seite öffnen lässt. Darin ist Platz für entweder zwei SIM Karten oder eine SIM Karte und eine Micro SD Speicherkarte mit bis zu 64 Gigabyte Speicherkapazität. Bei dem Headset handelt es sich um schön verarbeitete In-Ear Kopfhörer mit Ohrsteckern und Knöpfen aus Aluminum. Das Headset schirmt außerdem die Umgebungsgeräusche gut ab, hat ordentliche Bässe und einen sehr klaren Sound. Dafür dass es sich hierbei “nur” um Zubehör handelt, hat das Headset eine sehr gute Soundqualität. Einziger Kritikpunkt hieran ist das sehr dünne Flachbandkabel, welches leider vermutlich nicht so lange überleben wird.

Technische Daten

  • Betriebssystem: Android 5.1.1 Lollipop (Update auf Marshmallow angekündigt)
  • CPU: Qualcomm® Snapdragon™ 810, LTE6 octa-core, 64 bit
  • CPU Takt: 1,8 GHz
  • GPU: Adreno 430 GPU
  • RAM: DDR4 3GB
  • Interner Speicher: 32 GB
  • Externer Speicher: Bis zu 64 GB oder 2. SIM-Karte
  • Display: Full HD (1920 x 1080)
  • WLAN: DualBand (2,4 GHz und 5 GHz) 802.11 a/b/g/n/ac
  • Bluetooth: Version 4.1
  • LTE
  • Akku: 3000 mAh / 4,3 V
  • Maße: 144.5 mm (H), 69.4 mm (B), 7.7 mm (T)
  • Gewicht: 160g

Sensoren:

  • Fingerabdrucksensor
  • UV Sensor
  • Pulsmesser
  • Pedometer
  • Infrarotsender /-empfänger
  • Gyroskop
  • Beschleunigungssensor
  • Kompass
  • Helligkeitssensor
  • Entfernungssensor

Hardware

Performance

Für die Leistung des Gigaset ME sorgt ein Qualcomm Snapdragon 810 Prozessor mit einer Taktrate von 1,8 GHz pro Kern, eine Adreno 430 GPU und satte 3 GB Arbeitsspeicher. Zum objektiven Testen und Vergleichen der Hardware haben wir ein Benchmark mit der bekannten App Antutu durchgeführt.

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Mit 71.597 Punkten ist das Gigaset ME sehr schnell! Das Smartphone wird in Antutu in der Top 10 gelistet und ist in Hinblick auf die Performance definitiv eine gute Wahl! Die Leistung des Gigaset ME kommt sogar fast an die des HTC Flaggschiffs One M9 heran. Ein vergleichbares Smartphone mit fast gleich vielen Antutu Punkten ist das Google Nexus 6 (siehe Screenshots).

Wenn bald Android 6.0 (Marshmallow) für das Gigaset ME verfügbar ist, könnten sich die Ergebnisse im Benchmark sogar noch etwas weiter verbessern – dies ist aber reine Spekulation.

Display

Das 5 Zoll (12,7 cm) große Display hingegen macht einen sehr schönen Eindruck. Es hat eine Auflösung von FullHD (1920 x 1080 Pixel) und glänzt in kräftigen und natürlichen Farben. Auf dem Display sitzt ein Gorilla Glass von Corning, das sich schon in vielen Geräten als besonders kratzfest bewährt hat.

Auch die Helligkeit des Displays lässt sich sehr gut regulieren. Es wird ein großes Spektrum zwischen hell und dunkel geboten, so dass das Display zu jeder Tageszeit bzw. zu jedem Umgebungsort optimal gedimmt werden kann. Die automatische Helligkeitssteuerung funktioniert ebenfalls sehr gut.

Kamera

Die Kamera-App von Gigaset ist derzeit noch etwas mager. Es fehlen einige Einstellungen wie z.B. die Festlegung mit wieviel Megapixeln man das Bild aufnehmen möchte. So wird immer die größt-mögliche Einstellung, nämlich 16 Megapixel, genommen. Auch lässt sich beispielsweise der Sound beim Aufnehmen eines Fotos nicht deaktivieren. Einstellungen wie HDR, Blitz oder die Videogröße sind aber möglich!

Zu den technischen Daten der Kameras lässt sich festhalten, dass die Hauptkamera 16 Megapixel, Autofokus und Blitz hat. Sie kann Videoaufnahmen in miniHD, Full HD und sogar 2k machen. Die Front-Kamera hat eine maximale Auflösung von 8 Megapixeln. Damit man einen Eindruck von der Bildqualität gewinnt, haben wir ein paar Testaufnahmen gemacht.

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Damit die Bilder vom Browser schnell genug geladen und angezeigt werden, haben wir die Auflösung der Fotos verkleinert. Alles andere haben wir original gelassen. Die unveränderten Fotos in Originalgröße können hier heruntergeladen werden. Unser Eindruck von der Bildqualität ist im Grunde sehr positiv, denn die Bilder sind schön scharf und daher ist die Kamera auf jeden Fall für gute Schnappschüsse geeignet. Einziger Kritikpunkt ist die Farbsättigung. Die originalen Objekte, insbesondere das Buch, sind in echt etwas dunkler und kräftiger. An dieser Stelle könnte man ebenfalls mit einem Softwareupdate die Kamera noch weiter verbessern.

WLAN

Das Gigaset ME ist ausgestattet mit einem Dual Band WLAN mit dem Standard 802.11 a/b/g/n/ac, das sowohl die 2,4 GHz als auch die 5 GHz Frequenz unterstützt. Damit können sehr schnelle Datenübertragungen erreicht werden, die insbesondere bei der Nutzung von Streaming-Apps wie Youtube, aber auch Downloads über den Google Play Store spürbar werden. Für die ganz hohen Datenübertragungen ist natürlich ein entsprechender Router und ein guter Internetanschluss die Voraussetzung.

Was wir an dem WLAN des Gigaset ME nicht gut finden ist, dass in unserer Testumgebung die Datenübertragungen deutlich langsamer ausfallen als bei anderen Smartphones, sofern kein Sichtkontakt zum Router besteht. Die Signalstärke wird vom Gerät zwar als “gut” angezeigt, jedoch sind trotzdem keine schnellen Übertragungen möglich. Bei einigen anderen Smartphones, hatten wir am gleichen Standort keine Probleme. Falls dies der Software geschuldet ist, könnte ein Update die Empfangsqualität verbessern.

Sensoren

Interessant am Gigaset ME ist, dass das Gerät mit etlichen Sensoren ausgestattet ist. Neben den Sensoren, die inzwischen in so gut wie jedem Smartphone stecken (Lagesensor, Helligkeitssensor,..) stecken im ME dafür noch einige mehr. Mit UV-Sensor und Pulsmesser ist das Gigaset ME schon eher eine Seltenheit auf dem Smartphone-Markt.

Auf der Rückseite befindet sich ein Fingerabdrucksensor, der, seit dem neusten Update, schnell und zuverlässig den Fingerabdruck erkennt und somit das Gerät entsperrt. Der Sensor ist intelligent positioniert und lässt sich, während das Smartphone in der Hand liegt, sehr bequem mit dem Zeigefinger erreichen, ohne dass man das Gerät kippen oder drehen muss. Durch die Gigaset Software lassen sich mehrere Fingerabdrücke einspeichern.

Des Weiteren sind ein Pedometer, zum Zählen der Schritte, ein Kompass und ein Infrarotsensor verbaut. Mit dem Infrarotsensor lassen sich Daten verschicken und empfangen. Viel interessanter ist aber, dass dieser genutzt werden kann, um eine Fernbedienung zu ersetzen. So kann über eine App beispielsweise die Musikanlage oder der Fernseher bedient werden. Gigaset liefert hierfür und auch für andere Sensoren Apps, die bereits vorinstalliert sind.

Sprachqualität

Vor dem ersten Update (Mitte Dezember) beklagten sich einige Nutzer über die sehr schlechte Sprachqualität des Gigaset ME. Auch wir waren nicht von der Sprachqualität überzeugt. Gigaset, der Hersteller, der eigentlich für sehr gute Sprachqualität aus  dem Festnetzbereich bekannt ist, hatte dann schließlich mit dem Dezember Update entgegen gewirkt. Nun ist die Sprachqualität gut und vor allem auch laut genug.

Software

Allgemein

Die Software des Gigaset ME ist sehr einfach, aber dafür auch übersichtlich, strukturiert. Es gibt bei dem vorinstallierten Launcher kein Menü, sondern nur den Homescreen, auf dem, wenn man zur Seite wischt, alle Apps zu finden sind. Wir finden das sehr praktisch. Wer es nicht mag, kann aber alternativ auch einen anderen Launcher aus dem Google Play Store installieren und die GUI seines Smartpohne nach individuellen Wünschen konfigurieren. Es sind außerdem, einige Apps (siehe Grafik) vorinstalliert, die sich aber auch zum Großteil deinstallieren oder zumindest deaktivieren lassen. Über den Google Play Store erhält man Zugang zu unzähligen weiteren Anwendungen.

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Als Software kommt Android 5.1.1 zum Einsatz. Sie läuft auf dem Linux Kernel 3.10.49 und macht einen überwiegend und schnellen Eindruck. Im Test ist leider deutlich geworden, dass das Gigaset ME noch ein Stück weit in den Kinderschuhen steckt. Die Software hat daher leider auch ein paar Bugs. Durch ein Update hat Gigaset bereits anfängliche Probleme wie den langsamen Fingerabdrucksensor, die schlechte Sprachqualität und eine schlechte Bildqualität durch die Kamerasoftware behoben. Wir finden das natürlich sehr gut! Leider hat das erste Update aber noch nicht alle Probleme behoben. So lässt sich beispielsweise die Benachrichtigungs LED noch nicht konfigurieren, so dass Messenger wie Telegram, Threema oder WhatsApp die LED nicht zum Leuchten bringen.

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Da Gigaset bereits mit einem ersten Update auf einige Bugs reagiert hat, sind wir zuversichtlich, dass der Hersteller die noch ausstehenden Probleme in Zukunft lösen wird. Versprechen können wir das aber natürlich nicht. Positiv ist aber auch, dass Gigaset schon die neue Android Version Marshmallow (6.0.1) für das Gigaset ME angekündigt hat. Es besteht daher auch die Möglichkeit, dass Gigaset erst mit diesem Update die noch ausstehenden Problemchen löst. Wir berichten über Neuigkeiten!

Zum Thema Custom ROMs, ROOT und Custom Recoverys findet sich derzeit leider noch nicht viel – das Gerät ist ja auch noch sehr neu. Technisch sind aber die wichtigsten Grundvoraussetzungen erfüllt, so dass es theoretisch möglich wäre CyanogenMod oder andere Custom ROMs für das Gigaset ME zu entwickeln. Ob und in welcher Form sich freie Entwickler mit dem Gigaset ME beschäftigen, lässt sich aber aktuell noch nicht abschätzen. Wir berichten auch hier über Neuigkeiten!

DualSIM Konfiguration

Das Gigaset ME hat die Besonderheit, dass man statt einer Micro SD Karte, um den Speicher zu erweitern, alternativ eine zweite SIM Karte einlegen kann. Dadurch erhält man zwei Rufnummern, auf denen man gleichzeitig erreichbar ist. Wenn man telefoniert, eine SMS verschickt oder mobile Daten aktiviert, wählt man die für diese Aktion gewünschte SIM Karte aus. Diese Funktion ist vor allem dann sehr interessant, wenn man das Geschäftstelefon mit dem privaten Smartphone kombinieren möchte und somit nur noch ein Gerät herumtragen muss.

An sich funktioniert das auch so wie es soll im Gigaset ME. Leider ist aber auch hier die Software sehr schwach, so dass man sich hier gerne noch weitere Funktionen in der Software wünscht, um die Konfiguration der SIM Karten noch präziser und besser verwalten zu können. Auch hier ist nur zu hoffen, dass Gigaset noch mit einem Update nachhilft.

Fazit

Das Gigaset ME ist ein sehr vielseitiges Smartphone. Einerseits ist es ein wirklich sehr gutes Gerät, dass durch seine Performance und gute Ausstattung wirklich ein Spitzengerät ist. Auf der anderen Seite hat Gigaset mit dem ersten Smartphone noch ein paar Fehlerchen gemacht, die aber glücklicherweise fast alle an der Software liegen. Daher kann sich Gigaset an dieser Stelle noch retten und mit den richtigen Updates die Fehler ausmärtzen. Einen kleinen Anfang hat Gigaset mit dem Dezember-Update bereits gemacht.

Sehr positiv ist außerdem, dass bald Marshmallow für das Gigaset ME verfügbar sein soll. Wenn Gigaset die Updatepläne beibehält und die nächsten Geräte ohne die Kinderkrankheiten auf den Markt kommen, wird sich der deutsche Hersteller Gigaset sicherlich auch gegen länger etablierte und bekanntere Hersteller behaupten können. Wir sind gespannt in wie weit Gigaset schon aus dem ME gelernt hat und wie dem entsprechend das ME Pro und ME Pure auf den Markt kommen werden.

Was uns an dem ME neben den bemängelten Punkten an der Software noch fehlt wäre NFC. Das ME ist mit allerlei Funktionen ausgestattet, nur nicht mit NFC, was benötigt wird, um auf gleichem Level mit anderen Geräten der selben Preisstufe zu sein. Ebenfalls schön wäre es, wenn man den Akku entfernen und austauschen könnte. Außerdem muss die SIM Kartenverwaltung optimiert werden. Wer das Gigaset ME als Dual SIM Smartphone benutzen möchte, wird derzeit vermutlich nicht sehr zufrieden sein.

Da wir das Gigset ME aus jetzigem Stand betrachten müssen und mögliche Softwareupdates der Zukunft nicht berücksichtigen können, erhält das Gigaset ME 3,5 von 5 Sternen. Wenn Gigaset durch Updates noch entsprechend nacharbeitet, wäre die Bewertung bei bis zu 4,5 Sternen. Aus dem jetzigen Standpunkt ist das Gerät mit der UVP von 469€ noch zu teuer.

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